Linsmayers Kritik
Was Kunst mit den Menschen machen kann
Im Theater an der Effingerstrasse ist am Samstag Stephen Sachs’ Schauspiel «Das Original» bejubelt worden.
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Charles Linsmayer Publiziert am 28. September 2026 um 08:00 Uhr |
Als Eröffnung seiner zweiten Spielzeit fand am 26.September 1997 im Theater an der Effingerstrasse die Premiere eines Stücks statt, in dem über Wert oder Unwert eines Gemäldes gestritten wurde. Unter der Regie von Peter Simonischeck brachten Mathias Gnädinger, Urs Bihler und Werner Opitz «Kunst» von Yasmina Reza zur Aufführung. Auch «Das Original», ein Zweipersonenstück des Amerikaners Stephen Sachs, das genau 29 Jahre später, am 26.September 2026, auf der gleichen Bühne Premiere hatte, handelt von einem Gemälde. Von keinem komplett weissen wie in «Kunst» allerdings, sondern von einem der schreierisch-bunten von Jackson Pollock (1912-1956). Aber wie bei Yasmina Reza geht es auch da letztlich nicht eigentlich um ein Kunstwerkt, sondern um die Menschen, die sich damit konfrontiert sehen. Was das Personal betrifft, könnten die Stücke allerdings kaum unterschiedlicher sein. Bei Yasmina Reza diskutieren drei Intellektuelle in einem eleganten Pariser Ambiente über ein monochromes Bild, das ihre Freundschaft auf die Probe stellt, bei Sachs steht ein New Yorker Kunstkritiker in einer kalifornischen Wohnwagensiedlung einer arbeitslosen Bardame gegenüber, die durch Zufall in den Besitz eines Millionen teuren Pollock-Gemäldes gelangt zu sein meint und von der er denkt, dass er sie dank seiner Expertise mit Leichtigkeit davon überzeugen wird, einer Fälschung aufgesessen zu sein.
Ein Zufallsfund macht Furore
Um sie zu ärgern hat Maud das «scheussliche Bild», das sie für 3 Dollars bei einem Trödler gefunden hat, einer Nachbarin zum Geburtstag schenken wollen. Die will es nicht haben, und als es vor Mauds Wohnwagen hängt, kommt zufällig ein Kunstsachverständiger vorbei und meint, es könnte von Pollock sein. «Was Gutes im Leben könnte doch auch mir einmal passieren», dämmert es ihr, und es kommt jetzt nur noch darauf an, die Echtheit des Bildes zu beweisen. Das 2012 in Los Angeles uraufgeführte, weltweit erfolgreich aufgeführte Stück beginnt damit, dass es Maud tatsächlich gelungen ist, den im Privatjet angereisten Kritiker Lionel Percy in ihren Wohnwagen zu bekommen. Doch der macht sofort klar: «Pollock war ein Vulkan. Jede Leinwand ein Sprung von der Klippe. Aber das hier? Da ist keine Gefahr!» Damit aber gibt sich Maud, die ihrerseits vor dem Sprung in ein neues, besseres Leben steht, nicht zufrieden, und das Spannende und Vergnügliche des Zweipersonenstücks besteht daher aus dem immer drastischer verlaufenden hitzig-leidenschaftlichen Dialog zwischen dem weltberühmten Kritiker und der (nur scheinbar) naiven Barfrau über das, woran die Originalität eines Kunstwerks zu erkennen sein soll.
Geglückte Zusammenarbeit mit zwei Kleintheatern
Die Inszenierung mit Sabina Deutsch als Maud und Peter Niklaus Steiner als Lionel ist als Kooperation mit dem Theater Turbine in Langnau am Albis und der Kaiserbühne Kaiserstuhl entstanden. Regie führte auf herausragende Weise der Bündner Regisseur und Schauspieler Andrea Zogg, der in den frühen 1980er-Jahren sein Berner Debüt beim Kleintheater Kramgasse 6 gab. Das Bühnenbild mit dem Wohnwagen als Hintergrund stammt von Christine Fueter, die geschickt gewählten Kostüme von Nathalie Péclard.
Sabina Deutsch und Peter Niklaus Steiner: eine Traumbesetzung
Peter Niklaus Steiner betritt die Bühne in der Rolle des berühmten Kunstkritikers Lionel Percy als elegant gekleideter, von sich eingenommener Snob, der zu seiner Gastgeberin deutlich auf Distanz geht, ihr nicht die Hand gibt, ihre Süssigkeiten zurückweist und den Rand des Wasserglases mit dem Taschentuch säubert, ehe er zu trinken beginnt. Er gibt mit der Auflistung seiner publizistischen Leistungen den Tarif durch und ist sich sicher, die Sache in ein paar Minuten hinter sich gebracht zu haben, vertraut er doch vollkommen auf seine Fachkenntnis und seinen Blick, mit dem er in zwei Sekunden ein Original von einer Fälschung unterscheiden kann. Sabina Deutsch als Maud ist von all dem von allem Anfang an unbeeindruckt, hört sich das Eigenlob des Kritikers ungerührt an und geht unvermittelt zum Angriff über, als sie seine Fachkenntnis als Schwachsinn abtut. Lionel will die Übung immer wieder abbrechen, aber stets fällt Maud scheinbar zufällig noch etwas ein, was ihn zum Bleiben zwingt.

Die Aufführung ist in viele Sequenzen unterteilt, die von kurzen abgedunkelten Momenten mit ein paar Takten Musik unterbrochen werden. Und während die scheinbar unbedarfte Bardame sich für den überraschten Grosskritiker immer mehr zu einer selbstbewussten Gegnerin entwickelt – Ihr Gesichtsausdruck wandelt sich von Ahnungslosigkeit allmählich zu verschmitzter Ironie, zynischer Verachtung, stolzer Selbstsicherheit und am Ende zu Triumph und einer Art Siegesgewissheit trotz drohender Niederlage – , verliert dieser immer mehr von seiner Selbstsicherheit, beginnt dem zuerst abgelehnten Alkohol exzessiv zuzusprechen und mutiert immer mehr zu einem verletzlichen, verzweifelten Gegner, der eher aus Trotz und Prinzipienreiterei denn aus Überzeugung an der These, das Bild sei eine Fälschung, festhält. Maud aber spürt ganz offenbar, dass sie im Aufwind ist und setzt mit Whisky, erotischer Anmache, ja mit Hinweisen auf dunkle Punkte in Lionels Vergangenheit und am Ende mit der Drohung, das Bild zu zerstören alle Mittel ein, um ihn dazu zu bringen, in dem entscheidenden Dokument sein Kreuzchen doch noch unter das Wort «echt» zu setzen.
Unvereinbarkeit bis zum bitteren Ende
«Das Bild ist echt!» – «Das Bild ist eine Fälschung!» Beide halten stur an ihrer Meinung fest. Lionel, obwohl Maud ihn mit einem Fingerabdruck von Pollock einen unwiderlegbaren Beweis für die Echtheit des Bildes vorlegt. Maud auch dann noch, als sich herausstellt, dass ihr ein Käufer dafür zwei Millionen Dollar zugesagt hat und Lionel sie förmlich anfleht: «Nehmen sie das Geld!», sie aber kontert: «Es ist zu wenig!» Sowohl Sabina Deutsch, als auch Peter Niklaus Steiner spielen ihre Rollen bis zuletzt absolut glaubwürdig, ja hinreissend, und man glaubt ihnen auch dann noch, als Lionel schliesslich sein Kreuzchen unter das «nicht echt» auf dem Dokument setzt und damit nicht nur Maud, sondern auch das Publikum enttäuscht, das längst voller Begeisterung und Empathie mit der unbestechlichen Power-Frau mitgefiebert hat.
In der Sache bis zuletzt uneins, sind sich die zwei aber während des spannenden Wortgefechts menschlich-persönlich derart nahegekommen, dass Lionel zwar daran festhält: «Das Bild ist nicht echt», jedoch sichtlich zerknirscht zugeben muss: «Aber Sie sind es!»
Warum ein Abend wie dieser 2026 wichtig ist!
Im Tram, im Bus, im Zug, auf der Bank im Park ist kaum mehr ein Mensch zu finden, der nicht wie festgenagelt auf das Display eines Handys blickt. Und trotz alledem, ja gerade deshalb ist es wichtig, dass es noch Anlässe wie den jetzt an der Effingerstrasse gezeigten gibt. Ein Anlass, bei dem man, wie bis vor kurzem auch bei Heidi Maria Glössners «Vanya», voller Glück und Vergnügen miterleben kann, wie grossartig, ja erfüllend es sein kann, wenn unter kongenialen Regisseuren Menschen ohne Technik und digitalen Schnickschnack auf einer Bühne stehen, sich live dem Publikum aussetzen und genau so eine Figur zu vitalem Leben erwecken, wie das schon vor mehr als 2000 Jahren in Athen oder Epidauros in den Aufführungen von Dramen von Aischylos oder Euripides geschah. Mit nichts als Sprache, Gestik und schauspielerischem Können.
